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„Sobald man es Graffiti nennt, startet man Definitionskriege!“

„Sobald man es Graffiti nennt, startet man Definitionskriege!“

Steffi

Auch wenn der Graffiti-Künstler Pablo Fontagnier (Künstlername: Hombre SUK) nicht mehr in seiner Heimat Mannheim wohnt, sind seine Werke im Mannheimer Stadtbild immer wieder anzutreffen. Besonders im Graffiti-Park hinter dem Schloss wird man von gesprayten Charakteren auf Brückenpfeilern kritisch beäugt, angelacht oder aber auch gar nicht beachtet. Regelmäßig kehrt der Wahl-Nürnberger in seine Heimat zurück und hinterlässt für gewisse Zeit seine frisch gesprayten Spuren. Ein Interview:

Wie bist du zum Graffiti-Sprayen gekommen?

Ursprünglich war es viel mehr das drum herum, das mich begeistert hat. Der Flava wie es so schön heißt. Eine Gruppe Teenager, die sich nachts heimlich raus schleicht. Die Geheimnamen hat und quasi eine eigene Sprache benutzt. Ein exklusiver Kreis, für den andere nicht cool genug sind… Wer kann da schon widerstehen? Aber ich war schon immer ein Kind meiner Generation. Ich habe 16 bit Grafiken auf der Spielekonsole verschlungen und Comics übersäten mein Zimmer. Sprich eine visuelle Sprache, ähnlich dem Graffiti, hat schon mein ganzen Leben begleitet und geprägt. Der Rest war Schicksal.

Überall im Stadtbild findet man gesprayte Werke. © Hombre SUK

Was bedeutet dein Künstlername – Wie kam es dazu?

Mein Künstlername ist das spanische Wort für Mann. Leider überhaupt keine spannende Geschichte: Meine ersten Auslandsreisen mit Graffiti-Hintergrund führten mich nach Spanien und ich hab mich damals in die Mentalität verliebt und tu das noch heute. Natürlich hat man bei kurzen Besuchen immer nur den berüchtigten Schlüssellochblick, aber dennoch steht die dort erlebte Gelassenheit und das Miteinander bis heute in starkem Kontrast zu dem, was man hier alltäglich mit- und abbekommt.

Insofern war die Namensfindung eine Kombination aus Ehrerbietung an diese Kultur, wie sie dort gelebt wird und der Tatsache, dass ich damals noch weniger als heute Buchstaben gemalt habe. Sprich eine Umsetzbarkeit im Rahmen meiner Möglichkeiten spielte überhaupt keine Rolle. Ich hatte also freie Wahl was meinen Namen angeht.

Die Inspiration zu seinen Motive und Charakteren werden stark von seinem persönlichen Umfeld geprägt. © Hombre SUK

Was inspiriert dich zu deinen Motiven? Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Mein Stil ist definitiv sehr geprägt von den Helden meiner Jugend. Sei das Disney, sei das Can2. Aber im Lauf meiner „Karriere“ bin ich Selbstreden nicht mit Scheuklappen durch die Gegend gelaufen. Künstler wie Paco Sanchez oder Brett Parson haben mich nachhaltig geprägt. Am Ende ist es sicher etwas, das der Betrachter als Comicstil wahrnehmen würde.

Ich male nun seit 24 Jahren, über 20 davon figürlich, und was immer meine Inspirationsquelle Nummer eins war und ist, ist mein Umfeld. Ich wuchs auf, auf klassischen Bboy jams sobald ich Fuß fasste im Hiphop. Also waren meine Figuren davon stark geprägt.

Irgendwann waren Tattoos ein Thema. Ich musste ab circa 2008 Brille tragen, also bekamen auch meine Charaktere immer häufiger Brillen. Seit 2013 bin ich Papa und meine Motivwahl beinhaltet nun auch immer mehr Kids oder kindertauglicheres. So betrachtet, muss ich mir also wenig Sorgen machen um diese Motivation. In 30 Jahren sehen wir dann hombre character mit Urinbeutel und Rollator.

Hombre SUK wirft Streetart und Graffiti gerne mal in einen Topf. © Hombre SUK

Du sprayst auch international. Unterscheidet sich die Auswahl deiner Motive im Ausland von denen hier?

Es gibt Gelegenheiten, wo man die Gegebenheiten des Landes versucht zu integrieren. Letztes Jahr war ich in China und ich habe, bezugnehmend auf das Jahr des Schweins, zwei Schweine gemalt. Auch Tabus gilt es eventuell zu beachten. Es gibt Länder, wo man nicht einfach eine Frau mit Dekolleté malen kann oder sollte.

Aber ganz grundsätzlich ist das etwas, was ich nicht zum Konzept mache. Wenn ich zu einem Land oder Ort eine bestimmte Idee oder ein Gefühl habe, dann wird dies mit einfließen. Sollte etwas anderes in meinem Leben grade Vorrang haben, dann wird es das auch in meiner Kunst.

Auch im Ausland ist Hombre als Künstler unterwegs. © Hombre SUK

Was antwortest du Leuten, die (deine) Kunst als Gekritzel bezeichnen?

Das kam schon wirklich lange nicht mehr vor. Ich hatte immer das Glück, dass figürliches immer schon weit leichter von der breiten Masse akzeptiert wurde als Buchstaben. Weil die Menschen diesbezüglich konditioniert sind. Sie sehen. Sie erkennen – und dadurch haben sie weniger Angst davor. Aber ich bin auch großer Verfechter davon, sich diesen Standings bewusst zu sein und die Leute, die einem zugewandt sind und zuhören, auch ein stückweit aufzuklären. Dass das Tag an der Ecke, das ja immer wieder gerne als Negativbeispiel herangezogen wird, so viel mehr Style und Entwicklung beinhalten kann, wie die große bunte Fassade mit dem Mädchen-Portrait.

Wenn wir heute in den Kreativmarkt gehen, werden wir erschlagen von Material für paper poetry. Bücher über signpainting. Jedes Café hat eine handgemalte Karte über dem Tresen. Schrift und die Ästhetik, die in ihr steckt, ist so populär wie nie zuvor.  Aber das Gekritzel an der Ecke – das wird nicht erkannt als das Meisterwerk, das es sein kann?!

Wir dürfen uns nicht dazu hinreißen lassen unseren subjektiven Geschmack als Maßstab zu nehmen. Und Qualität nicht mit Kategorisierung verwechseln. Graffiti KANN Kunst sein. Ein Tag an der Straßenecke KANN ein Meisterwerk sein. Aber nur weil es auch Negativbeispiele gibt, darf man nicht das ganze Genre abwerten.

Der Künstler bei der Arbeit. © Hombre SUK

Wo kannst du dich mehr kreativ austoben: Beim Sprayen an einer Betonwand oder bei deiner Arbeit am Computer als Grafik Designer?

Das meiste, was ich digital mache, ist Illustration. Klassische Logos oder Flyer, Satz etc pp mache ich nur noch sehr selten. Und so hat beides ganz klare Vor- und Nachteile. Es sind Werkzeuge. Und die Wahl der Mittel ist eine Frage der Notwendigkeit. Wenn man das Medium, das die beste Wahl wäre, nicht nutzt, dann dient das nur als Ausrede für ein Ergebnis das nicht dem besten entspricht, was man in der Lage ist abzuliefern.

Es erfüllt mich genauso mit Zufriedenheit eine Vektordatei auf 1600% ranzuzoomen und mir Details in der Pupille gestochen scharf anzusehen, als es mir die Brust schwellen lässt, wenn ich vor einem 5-stöckigen Gebäude stehe, dass von mir binnen kurzer Zeit gestaltet wurde. Ich denke auch, dass diese Range es mir immer wieder möglich macht, mein Tun zu genießen. Manchmal ist man lieber am Schreibtisch und manchmal lieber auf der Baustelle. Die meisten Menschen müssen sich entscheiden. Ich komm in den Genuss beides zu haben.

Pablo Fontagnier sprayt bevorzugt Charaktere im Comicstil. Hier im NYX Hotel Mannheim. © Hombre SUK

Was bedeutet Mannheim für dich?

Mannheim ist für mich Heimat. Basis. Mannheim hat etwas, dass nur wenige Städte haben: Charakter. Ich verstehe jeden, der Mannheim besucht und nichts Nettes zu sagen hat. Klar haben wir den Luisenpark, wir haben wunderschöne Architektur. Aber das, was Mannheim ausmacht, was es einzigartig macht, ist etwas, das man nicht an einem Wochenende sehen kann. Wofür es keinen Touristenführer gibt. Das ist die Seele. Mannheim hat seine dreckigen Ecken. Hat seinen rauen Charme. Und ich will es gar nicht zu sehr romantisieren. Oft genug habe ich die Attitüde auch verflucht, die mit dieser Stadt einhergeht. Aber Mannheim ist Marathon und kein Sprint. Man braucht eine Weile, um es wirklich zu lieben. Mit allen Schattenseiten, aber dann wird man es für immer tun.

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Pablo Fontagnier kehrt immer wieder gerne in seine Heimat Mannheim zurück und hinterlässt im Stadtbild seine Spuren. © Hombre SUK

Wie empfindest du das Kunstangebot in Mannheim und wie Künstler hier gefördert werden?

Ich kann da nur für die urbane Kunst sprechen. Aber in den letzten 10 Jahren ist die Offenheit, das Interesse und damit auch die Förderung nahezu explodiert: von Freiflächen über Atelier-Möglichkeiten, Ausstellungen und Mitgestaltung des Stadtbildes. Stadt.Wand.Kunst ist da seit Jahren vorne mit dabei. Der ADDX e.V. war zu meinen Anfängen immer darauf bedacht die Kunst zu fördern und Plattformen zu bieten, ebenso wie das FORUM. Aber es gibt so viele Unterstützer und helfende Hände. Es sollen sich bitte alle genannt fühlen.

Graffiti bzw. Streetart (ich werfe das in einen Topf, weil es bei diesem Beispiel passt) ist den Kinderschuhen in Mannheim definitiv entwachsen. Und das natürlich, weil auch die Künstler gewachsen sind, aber auch weil es Menschen im Umfeld gab und gibt, die bereit waren Türen zu öffnen und Wege zu gehen. Eine Bitte sich nicht zu verschließen und abzuschotten. Ohne „Außenstehende“ wären wir nicht wo wir sind, und kämen wir auch nur sehr viel langsamer voran.

Gegen Graffiti auf Leinwänden hat Hombre nichts einzuwenden. © Hombre SUK

Ist es nicht irgendwie komisch, dass immer mehr Streetart und Graffiti-Werke auf Leinwänden in Museen landen und für viel Geld verkauft werden? Ist das noch der ursprüngliche Gedanke?

Mit dieser Frage wird natürlich ein großes Fass aufgemacht, das auch szenenintern gern und hitzig debattiert wird. Ich möchte es aufteilen. Die Tatsache, dass Graffiti in Galerien hängt, entspricht partiell schon dem Ursprungsgedanken. Und zwar insoweit, dass es immer drum ging, seinen Namen zu verbreiten. Ihn so vielen Menschen, wie möglich zu zeigen. Bemalt man einen Zug, erreicht man mehr Menschen, als mit einer bemalten Mauer. Und hängt mein Bild in der Galerie, erreicht es damit Menschen, die sonst sicher niemals etwas vom Künstler oder der Kunstform selbst gehört hätten.

Aber natürlich sollte Graffiti im öffentlichen Raum stattfinden. Ungefiltert. Interagierend mit der Umgebung. Es gab so viele Regeln, die aufgestellt wurden und wieder gebrochen. Man darf nur mit Standard caps arbeiten – ankleben ist tabu. Schablonen sind Betrug, mit Computer kann das ja jeder.

Wir sollten alle mehr loslassen. Wenn ich für mich selbst Dogmen aufstelle, dann gut. Jeder braucht etwas, woran er sich festhalten kann. Aber die auf eine gesamte Kultur zu übertragen, ist anmaßend. So viele unterschiedliche Charaktere überall auf der ganzen Welt. Wie sollte für die alle ein Regelwerk gelten, wenn es sich nicht natürlich anfühlt und einfach fließen kann?

Das Problem ist wie so oft das Etikett. Graffiti Maler waren lange geächtet. Mussten sich das, was sie haben, hart erarbeiten. Und müssen nun heute, wo es en vogue und bequem ist, zusehen wie Menschen, die nichts dafür getan haben, die Früchte ernten. Ich verstehe den Unmut. Aber was bringt er? Verbitterung? Einschränkung?

Solange man sagt, die Menschen, die in Galerien ausstellen, die Laternen mit Strickwaren umgarnen, die Jutebeutel mit Schablonen besprühen, dass diese Menschen KUNST machen, ist alles ok. Sobald man es Graffiti nennt startet man Definitionskriege und Lagerbildung. Graffiti ist so groß. Es hat genug Platz für so viele Sparten. Und man sollte doch für sich, wissen was man tut. Gleich welche Schublade man sich mit wem teilen muss.

Ich weiß, was ich tue, und was ich dafür tun musste. Was interessiert es mich da, ob es jemand Streetart, Graffiti, Illustration oder Kunst nennt.

  • Hombre SUK
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