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Ein Theaterhaus stiller Rebellion

Ein Theaterhaus stiller Rebellion

Vor zehn Jahren wollte Sascha Koal mit der Eröffnung seines Theater Felina-Areal am Lack von Mannheims stolzer Theatertradition kratzen, ein Zeichen der Moderne setzen. Keine Revolution, aber ein fühlbarer Impuls der freien Kunst war sein Ansinnen. Heute fühlt sich der 52-Jährige – allen Widerständen zum Trotz – am großen Ziel angekommen. Die Geschichte eines Überzeugungstäters.

Mitten in der Mannheimer Neckarstadt, im Innenhof der Theaterakademie, befindet sich das Theater Felina Areal. © Markus Mertens

Unscheinbar im Hinterhof

Wer die Holzbauerstraße im Herzen der Mannheimer Neckarstadt durchstreift,  der läuft schnell an jenem Transparent vorbei, das an einem grauen alten Industriegebäude auf ein Theater hinweist – und hat so vieles verpasst. Denn wer sich die Treppenstufen nach unten wagt und sich durch die Räume der Mannheimer Theaterakademie (tham) bewegt, auf den wartet im Hinterhof ganz unscheinbar wahrhaft Unerhörtes. Bis vor einem Jahrzehnt dienten die 170 Quadratmeter dem internationalen Dessous-Konzern Felina als Bauschreinerei, seit einem Jahrzehnt prägt das Produktionshaus mit seinen Stücken die mutige Kunst-Avantgarde der Quadratestadt.

Bis vor zehn Jahren befand sich hier die Bauschreinerei des Konzerns Felina, seit 2009 wartet im Hinterhof der Holzbauerstraße das Theater Felina Areal auf seine Gäste. © Markus Mertens

Im Theater Zuhause

Dabei begann für Sascha Koal alles viel früher – und viel selbstverständlicher. Denn für den gebürtigen Mannheimer gab es auf der Bühne nie so etwas wie den Aha-Moment: 1979 steht der damals 13-jährige Bub erstmals als Komparse beim großen Friedrich Meyer-Oertel auf der Opernbühne des Mannheimer Nationaltheaters und kostet von einer Faszination, die ihn nie wieder loslassen sollte. „Ich habe mich nie gefragt, wie es wohl ist, am Theater zu sein – ich wusste es von Kindesbeinen an, weil ich ständig hier war. Weil ich mich hier zu Hause fühlte“, erklärt Sascha Koal im Gespräch und seine Augen leuchten.

Finanziell am Limit, aber künstlerisch erfüllt

Nachdenklich, aber auch schwärmerisch erzählt er von seinem Weg, der ihn nie an die Universität, dafür seit 1993 in zahllosen Projekten auf die Bühnen der Stadt führte. Es war die harte Schule, aber auch die grundehrliche Lektion in seinem Leben. Finanziell am Limit, aber künstlerisch erfüllt. „Ich habe nie gedacht, dass in Mannheim die Welt auf mich zukommt und sehen will, was ich hier mache. Ich wusste immer, dass ich die Menschen von dem überzeugen muss, was hier geschieht“, sagt der Theaterleiter und lächelt vielsagend. Denn er vollbrachte, was ihm die wenigsten zutrauten – und setzte sich durch.

2009 packt Koal die Gelegenheit beim Schopf, renoviert die verkommene Schreinerei von Grund auf und formt aus einer industriellen Baustelle ein international agierendes Performance-Haus. Nur ein paar historische Gemäuer samt entsprechender Wandtapete zeugen noch von der Vergangenheit, die der damals 42-Jährige mit neuem Leben erfüllt.

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An einigen historischen Wänden, die Sascha Koal unbearbeitet gelassen hat, prangen noch heute Zeichen des Dessous-Konzerns Felina. © Markus Mertens

Verschiedene Genres

Von der Satire „Lebenslänglich für Richard Wagner“ über zeitkritische Stücke wie „Kachelmanns Rashomon“ bis hin zur Bühnenadaption von Ingmar Bergmanns Szenen einer Ehe bespielt er das Haus mit allen denkbaren Genres. Eine Vielfalt, die Publikum wie Künstler gleichermaßen anlockt. Große Mimen der Region wie Gerhard Piske und Hansdieter Willisch kooperieren mit ihm, Komponisten wie Hans Reffert oder Norbert Schwefel komponieren für Koal und auch der Tanz findet mit einer großen Selbstverständlichkeit in seine Räume. Auf der einen Seite, weil die Studenten der Akademie „Dance Professional“ sich mit dem Schauspielern der tham bei Koal die Klinke in die Hand geben – aber auch, weil Choreographen und Tänzer wie Brian McNeal, Stefano Giannetti oder Eric Trottier die Intimität seines Raumes schätzen, um sie magisch in die Welt hinauszutragen.

Durchhaltvermögen gefragt

Zwar sei die Spielplangestaltung freier Kunsthäuser, und daraus macht Sascha Koal kein Geheimnis, auch heute noch viel zu abhängig von Fördergeldern und den Jurys, die sie vergeben. Doch dass sich der Mannheimer bei der Planung seiner Festivals vor Anfragen weltweiter Topkünstler kaum retten kann, gibt dem Durchhaltevermögen Recht, mit dem er auch geradeaus nach vorne blickt: „Es war mein Ziel, in Mannheim den Prototyp eines Produktionshauses zu entwickeln, das für so vieles gut sein kann, wenn man nur will. Dass wir diesen Gedanken in einer Stadt präsent gemacht haben, deren Szene viele überregional gar nicht auf dem Schirm hatten, ist einfach großartig.“

  • Theater Felina-Areal
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